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Der Weg zur Leidenschaft

 Erinnerungen an die Schulzeit an der Feusi und das Entdecken der eigenen Stimme

Die ehemalige Feusi-Schülerin Camilla Landbø erzählt von prägenden Unterrichtsmomenten, einem mutigen Kurswechsel und dem Entdecken ihrer Leidenschaft fürs Schreiben. Ihr Weg führt von der Schule über Umwege bis in den Journalismus, stets begleitet von Neugier und neuen Perspektiven. Im Gespräch wird deutlich, wie aus Erlebnissen im Klassenzimmer ein beruflicher und persönlicher Lebensweg entstehen kann. Eine Geschichte über Mut, Leidenschaft und den Blick über den eigenen Horizont hinaus.

Camilla Landbø lehnt an einem Geländer. Im Hintergrund sieht man Bäume und eine Brücke. Camilla Landbø lehnt an einem Geländer. Im Hintergrund sieht man Bäume und eine Brücke. Camilla Landbø lehnt an einem Geländer. Im Hintergrund sieht man Bäume und eine Brücke.

Wenn Sie an die Zeit am Feusi Bildungszentrum zurückdenken: Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Wir hatten Lehrerinnen und Lehrer, die mit uns politische und literarische Debatten führten, die uns ihre Geschichten erzählten und uns viel beibrachten. In Geschichte zum Beispiel hatten wir das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Mit vielen Lehrkräften waren wir per du und der Dialog mit ihnen beschränkte sich nicht nur auf das Klassenzimmer.

Gibt es einen Moment in der Feusizeit, der rückblickend richtungsweisend war für Ihren Werdegang? 

Ich fand vieles anregend und spannend: Mathematik, Physikund eben Geschichte, aber auch Philosophie und Literatur und später Biologie, besonders die Meeresbiologie. Wenn ich mir genau überlege, welches der entscheidende Impuls gewesen ist, das zu werden, was ich heute bin, kommt mir unsere Deutschlehrerin in den Sinn, die uns mal in einer Stunde die Aufgabe gab, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Ich habe nämlich nicht gerne geschrieben! Aber plötzlich bin ich in den Flow des Geschichteschreibens reingekommen, es war wie ein Zauber, der Plot hat mich bis ans Ende getragen und für diesen Text habe ich zum ersten Mal eine 6 bekommen in Deutsch. Das war wirklich ein Aha-Erlebnis.

Viele gehen nach dem Gymi den «klassischen» Weg eines Hochschulstudiums. Sie sind heute Journalistin und Autorin. Wann kam dieser Perspektivenwechsel?

Wie gesagt war ich an vielem interessiert und habe ja auch tatsächlich das Studium in Biologie begonnen. Aber eines Tages, während einige begeistert über Fledermäuse sprachen, und ich nicht, begriff ich, dass ich zuerst die Welt entdecken und nicht die ganze Zeit in einem Hörsaal in der Schweiz verbringen wollte. Ich musste zuerst herausfinden, welche wirklich meine Leidenschaft ist. An diesen Moment, in dem ich spontan den Hörsaal verliess, werde ich mich immer erinnern.

Hat sich Ihre Sicht auf die Welt seit der Schulzeit stark verändert. Wenn ja, wie?

Ja, heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass es gesellschaftliche Reformen braucht. Das merkst du, wenn du eine Weltreise machst, in Armenviertel gehst und begreifst, dass Armsein nicht gewählt ist. Auf meiner ersten Reise auf dem lateinamerikanischen Kontinenten, in Mexiko, habe ich den Geschichten der Leute zugehört und das Bedürfnis gespürt, sie aufzuschreiben. Zuerst dachte ich an Kurzgeschichten, doch dann merkte ich, dass ich gerne Journalistin bin. Auch wenn du über eine Verkehrsampel schreibst, kannst du literarisch erzählen, indem du nämlich einer Dramaturgie folgst. Das ist meine Art von Journalismus und dem sage ich «Literatur, die es eilig hat.»

Und was sagen Sie zur Aussage, dass heute die Leute nicht mehr so gerne lesen?

Ich denke, dass das mit dem Handy zusammenhängt, mit dem man viel Zeit verbringt. Ich merke schon, dass Leute heute lieber kürzere Texte lesen wollen – aber das finde ich auch okay. Mein Kind aber liest sehr viel, es hat fast die ganze Bibliothek gelesen.

Was reizt Sie am Journalismus, was die Schule vielleicht nicht bieten konnte?

Journalismus ist ein Türöffner: Dank ihm erhältst du Einblick in Einzelschicksale, in die verschiedensten sozialen Schichten, in Institutionen und Organisationen. So bekam ich zum Beispiel in Uruguay die unglaubliche Chance, den Präsidenten interviewen zu können, zwei Wochen bevor er dann abgetreten ist. Journalismus ermöglicht, dass du dir wirklich ein Bild von der Welt und der Gesellschaft machen kannst.

Und was ist es denn mehr? Möchten Sie die Geschichte der Menschen darstellen oder andere darauf aufmerksam machen?

Ich möchte vor allem, dass die Leserinnen und Leser meiner Geschichten etwas erfahren von Menschen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten und so aufmerksam werden für deren Schicksal. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich Geschichten mit Dramaturgie liebe, also Geschichten, die spannend sind und gelesen werden. Es geht mir also auch um die Magie des Geschichtenerzählens.

Gab es auch Zweifel oder Umwege auf Ihrem Weg?

Ja, zwei, drei Mal habe ich als Journalistin Pausen eingelegt. Das war, wenn ich gemerkt habe, dass ich immer gleich schreibe, mich wiederhole, im Aufbau zum Beispiel. Oder auch, dass die Themen, die ich abdeckte, wiederkehrend waren, ich nichts Neues lernte, dann hatte ich ebenfalls Zweifel. Aber ich kann ja wählen, was ich schreibe – ich bin freie Journalistin. Ich muss ja nichts.

Was bedeutet Schreiben für Sie heute? Eher Beruf oder eher Leidenschaft?

Leidenschaft! Alles, was ich über eine lange Zeit mache, ob Schreiben oder Singen, geht nur dank Leidenschaft. Sie ist der Motor, der mich immer weiter antreibt. Darum rate ich jedem: «Mach, wozu du Lust hast».

Hat die Arbeit als Journalistin Ihren Blick auf Wahrheit und Objektivität verändert?

Was ich gelernt habe ist, dass ganz oft etwas nicht so ist wie es scheint. Und deswegen musst du hingehen, mit den Leuten reden und schauen, ob das Gehörte von anderen bestätigt wird. Ich könnte dazu eine unglaubliche Geschichte erzählen, von einem Afro-König in Bolivien zum Beispiel, aber das würde den Rahmen hier sprengen… Kurz, es gibt Sein und Schein, und als Journalistin musst du hingehen und herausfinden, was stimmt und was nicht.

Gibt es ein Thema, bei dem Sie Ihre Meinung nach dem Interview komplett geändert haben?

Ja, das war nach dem Interview mit dem Präsidenten von Uruguay: Während der Diktatur war er im Gefängnis und wurde gefoltert, aber als er gefragt wurde, ob er denn nicht voller Hass gewesen sei, als er freikam, sagte er: «Hass macht blind. Wenn du etwas erreichen willst, musst du den Hass komplett streichen.» Ich aber hatte bis zu dem Moment geglaubt, Hass ist der Motor, gibt dir die nötige Energie, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, die Leute zur Rechenschaft zu ziehen. Aber das ist es eben nicht… Dieses Gespräch hat wirklich mein Denken radikal verändert.

Wie entdecken Sie Themen, die Sie wirklich interessieren?

Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Menschenrechte und das ist bis heute mein Hauptthema geblieben. Deshalb schreibe ich immer wieder über Armut, denn es gibt absolut keinen Grund, warum so viele Leute arm und wenige so reich sind. Das ist einfach absurd. 

Wie wichtig ist es heute, andere Sichtweisen auszuhalten, gerade in den Medien?

Als Journalistin schreibe ich auf, was mir die Leute sagen. Vielleicht kontere ich mal, stelle kritische Fragen, aber ich respektiere die Worte der Interviewten. Ich muss ja nicht so denken wie sie.

Welche Perspektive wird Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft zu wenig gehört?

In der Schweiz wird manchmal vergessen, dass es auch hier Menschen gibt, die wirklich mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, die ihrem Kind zum Beispiel keinen Kurs bezahlen können, für die auswärts essen oder sogar nur einen Kaffee trinken zu teuer ist. So können sie kaum am Sozialleben teilhaben, sind aber vielleicht zu stolz, um sich einladen zu lassen. Darum finde ich zum Beispiel die Idee «Café Surprise» richtig toll und habe darüber einen Artikel geschrieben: Wer genug Geld hat, bezahlt 2 Kaffees, was mit einem Strich notiert wird. Dann kann später jemand vorbeikommen und einen Gratiskaffee trinken. Man muss eben versuchen, im Kleinen etwas zu machen.

Was bedeutet «Perspektivenwechsel» für Sie persönlich?

Anderen Menschen erst einmal zuzuhören, sie erzählen zu lassen, was sie denken und was sie erlebt haben. Zu versuchen, sich in andere hineinzuversetzen. 

Welchen Rat würden Sie heutigen Schülerinnen und Schülern geben, die noch nicht wissen, wohin ihr Weg führt?

Finde raus, worauf du wirklich Lust hast. Daraus wächst immer etwas Gutes, auch wenn du vielleicht nächstes Jahr etwas Neues machen willst – folge deinem Gefühl und du findest deinen Weg.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich am Feusi Bildungszentrum heute sagen?

Ich würde der Camilla sagen, dass sie weniger Angst haben muss. Ich hatte nämlich wirklich sehr Angst, beispielsweise kurz vor meiner Abfahrt nach Südamerika vor 20 Jahren. Aber ich habe es trotz dieser Angst gemacht, ich bin ausgewandert, auf einem Frachtschiff, von Barcelona aus, erst nach Brasilien, dann nach Argentinien. Und dann würde ich ihr noch sagen: «Hinter der Angst liegt die Freiheit». Es gibt gewisse Ängste, da musst du einfach durch. Oder wie es eine Berner Sportlerin ausgedrückt hat: «Gring abe u seckle». Danach kommt ein Stück Glück.

Autor: Feusi Kommunikation